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Bestattungen im Stadtschloss Weimar

Seit mehreren Jahren werden die umfangreichen Umbaumaßnahmen des Weimarer Residenzschlosses zu einem zeitgemäßen Ausstellungs- und Besucherzentrum für das UNESCO Weltkulturerbe „Klassisches Weimar“ durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) archäologisch und bauhistorisch begleitet.

Die Besiedlung des Platzes dicht an der Ilm reicht bis in die Urgeschichte zurück. Eine erste Burganlage bestand nach der urkundlichen Ersterwähnung bereits Ende des 10. Jh. Erste steinerne Bauten mit Ringmauer, noch heute stehendem Rundturm und möglicherweise einem Pallas im Südosten entstanden nach der Zerstörung von 1173/74. Stadtbrände 1299 und 1424 führten wiederum zu umfangreichen Neubauten. Damit einher ging 1461 die Erhebung der um 1391 bestehenden Martinskapelle zur Kollegiatsstiftskirche. Sie wurde 1468 geweiht. Mit der Teilung des Kurfürstentums Sachsen entwickelte sich Weimar zur offiziellen Residenz der Ernestinischen Wettiner, ab dem 16. Jh. erfolgten entsprechende Umbaumaßnahmen, die der Anlage den Burgcharakter nahmen. Weitere Brände 1618 und 1774 und ein katastrophales Hochwasser 1613 führten zur völligen Neukonzeptionen der Schlossbauten und teilweise massiven Niveauerhöhungen. Mit der Leitung der 1789 gegründeten Schlossbaukommission wurde Johann Wolfgang von Goethe betraut. Mit der letzten großen Neubaumaßnahme, der Errichtung des Südflügels in den Jahren 1913/14, erhielt das Schloss seine heutige Gestalt, wenige Jahre vor der Abdankung des damaligen Schlossherrn, Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Blick auf die beengte Grabungssituation im Innenhof des Weimarer Stadtschlosses (Foto: TLDA, Weimar)

Zwischen Pflasterung, Gewölberesten und Leitungen liegt enge Grabungsfläche

Die archäologischen Untersuchungen hatten ihren Schwerpunkt im Ostflügel, parallel zum Fluss. Im letzten Arbeitsabschnitt fanden durch notwendige Leitungsverlegungen bedingt Grabungen vor allem im Innenhof statt. Da die Grabungen sich auf bauseitig notwendige Flächen und Tiefen beschränkten, fehlen leider noch immer aussagekräftige Befunde zu den ältesten Anlagen. Zu den jüngeren Bauphasen konnten inzwischen jedoch viele Informationen gewonnen werden, und auch zu den über Baupläne vermeintlich gut überlieferten jüngeren Bauten sind wichtige Informationen zu Bauvorgängen, Planänderungen und Ausführungsdetails gewonnen worden.

In der Südostecke des Schlosshofes konnte das Fundament der 1468 geweihten Kirche dokumentiert werden. Sie wies noch Gewölbereste auf, vermutlich zugehörig zu der herzoglichen Gruft. Im Gebäudeinneren wurde im Verlauf einer schmalen Leitungstrasse eine Bestattung freigelegt. Die Freilegung und Dokumentation erwies sich als äußerst schwierig, da eine Treppe des 17. Jh. nur knapp über der Bestattung lag und Enge und schwierige Lichtverhältnisse zusätzliche Schwierigkeiten darstellten. Dennoch lässt sich die Bestattungssituation beschreiben: Es handelte sich um eine ohne Sarg niedergelegte Bestattung, die Grabgrube war sehr schmal, im Kopfbereich als Nische ausgebildet. Datierende Beifunde gab es nicht, die Höhenlage in Bezug auf die dokumentierten Kirchenmauern und deren Fußboden deuten jedoch auf eine ältere Bestattung hin. Eine 14C-Bestimmung steht noch aus.

Innenansicht der Zahnreihe des Unterkiefers mit ausgeprägtem Zahnstein und Entzündung des Kieferknochens (Foto: H. Arnold, TLDA, Weimar)

Skelettierter Unterkiefer mit Zähnen

Das Skelett unter der Treppe kann einem etwa 25–35-jährigen Mann zugeordnet werden. Die Lage des Skeletts dicht unter einer Schicht von Baumaterialien in dem recht feuchten Bodenmilieu hat der Knochenerhaltung stark zugesetzt. Das Knochengewebe ist angegriffen und teilweise zerfallen, die Knochenoberflächen erodiert, zum Teil führte Bruschit-Bildung zum Zerfall einiger Knochenelemente. Der etwa 168–174 cm große Mann litt trotz seines jungen Alters bereits an einer ausgeprägten Arthrose der Halswirbelsäule und unterschiedlichen Erkrankungen der Zähne und des Zahnhalteapparats, wie beispielsweise Karies, Zahnfleischtaschen und Abszessen. Bereits lange vor dem Tod zog er sich eine Fraktur des linken Unterschenkels zu, die sehr gut und gerade ausheilte. Es kann vermutet werden, dass sie fachmännisch behandelt wurde.

Eine überraschende Entdeckung waren die Skelettüberreste eines zweiten Individuums in der Verfüllung des Grabes. Es handelt sich um wenige Knochen des Oberkörpers und beider Arme eines etwa 8–11-jährigen Kindes. Die Knochen, wohl aus einer gestörten, älteren Bestattung, wurden offenbar zusammen mit Baumaterialien in eine Grube gefüllt, wie anhaftende Reste eines zementartigen Materials an einigen davon belegen.

Karin Sczech, Jan Nováček
 

Dr. Christian Tannhäuser
Gebietsreferent Städte, TLDA, Weimar

Tel.: 0361 / 57 3223 325
E-Mail: christian.tannhaeuser@tlda.thueringen.de

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