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Frühes Thüringer Waldgewerbe im Fokus

Thüringer Wald und Thüringer Schiefergebirge bildeten seit dem hohen Mittelalter eine prosperierende Wirtschaftsregion, deren Produkte im gesamten thüringischen Raum und darüber hinaus begehrt waren. Zu den typischen Waldgewerben zählen die Herstellung von grünem, sogenanntem Waldglas, Eisen, Pech oder Holzkohle. Als Glasmacher, Pechsieder oder Köhler fanden die Menschen der Region über Jahrhunderte ihr Auskommen und prägten die Landschaft nicht zuletzt in ökologischer Sicht.

Seit dem Sommer 2020 finden im Bereich des aufgegebenen Glashüttenstandortes „Glücksthal“ bei Neuhaus am Rennweg, Lkr. Sonneberg, im Zuge der Verlegung einer Erdgasleitung bauvorgreifende archäologische Untersuchungen statt. Die Glashütte wurde im Jahr 1736 gegründet, benachbart befindet sich ein kleiner bis auf den heutigen Tag bestehender Friedhof, auf dem 1845 der Hüttenbesitzer T. Chr. Greiner bestattet wurde.

Luftbild der im Sommer geöffneten Flächen im Trassenverlauf. Die archäologischen Befunde zeichnen sich als dunkle Verfärbungen im hellen Erdboden ab (Foto: R. Müller-Schmied, BBP Hildburghausen)

Luftbild der Grabung entlang einer enstehenden Gastrasse durch den Wald

Neben Abfallgruben und  Tausenden von Funden der Glasherstellung (Glashäfen, -gefäße, Bruchstücke, -tropfen, -stäbe, -pfeifen, -schlacken oder Produktionsausschuss konnte unerwartet ein spätmittelalterlicher Pechofen freigelegt werden. Zahllose großteilige Bruchstücke dickwandiger, mit Eindrücken verzierter Schmierenbrennerware sowie Siedlungskeramik datieren den Ofen in das 15. Jahrhundert.

Glasbruchstücke, Schmelzreste und Bruchstücke von Glashäfen (M. Seidel, TLDA; Römhild)

Mehrere Behälter mit verschiedenen, sortierten Überresten der Glashüttenprodukte

Wandscherbe der Schmierenbrennerkeramik und Pechresten auf der Außenwand. Die Riefen dienten dazu, die Griffigkeit der schweren Gefäße zu erhöhen (M. Seidel, TLDA, Römhild)

Eine dicke, hellbraun-graue Keramikscherbe mit tief eingekerbten Riefen

Daraus ist zu schließen, dass das Areal der Wüstung Glücksthal mit einer Unterbrechung im 16./17. Jahrhundert seit dem späten Mittelalter wiederholt als Produktionsstandort genutzt wurde. Die in großer Menge benötigten Ressourcen wie Holz, Sand oder Quarz waren zunächst in der Umgebung vorhanden, eine Quelle sowie eine gute Verkehrsanbindung, von der viele Hohlwege in der Umgebung zeugen, komplettierten das Anforderungsprofil. Der Raubbau an den Wäldern führte allerdings dazu, dass die Glashütte bereits 1838 nach kaum mehr als einem Jahrhundert wieder aufgegeben werden musste und die Steingebäude bis 1860 niedergelegt und abgetragen wurden.   

Zur Verfüllung einzelner frühneuzeitlicher Befunde gehören mehrere Feuersteinbruchstücke, die nahelegen, dass bereits Menschen der Mittelsteinzeit vor 8000 bis 10.000 Jahren den Ort aufsuchten. Insbesondere die Quelle sowie der Wildreichtum der endlosen Wälder dürften die kleinen, noch überwiegend nomadisch lebenden Jäger- und Sammlergruppen angezogen haben.

Das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) führt seit Sommer 2019 an verschiedenen Orten bauvorgreifende Ausgrabungen an der neu zu verlegenden Ferngastrasse EGL 442 durch, die den Freistaat Thüringen auf fast 110 km durchquert.
 

Dr. Mathias Seidel
Gebietsreferent Südthüringen, TLDA, Römhild

Tel.: 0361 / 57 3222 011
E-Mail: mathias.seidel@tlda.thueringen.de

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