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Erfurt-Büßleben – Stabdolch in der Siedlung

Im Jahr 2019 kam bei den bauvorgreifenden Untersuchungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) im Gewerbegebiet „Bei den Froschäckern“ im Erfurter Stadtteil Büßleben ein frühbronzezeitlicher Stabdolch zutage. Der Fundort, der Stabdolch selbst und die nahebei aufgefundenen Artefakte sind ganz außergewöhnlich. Trotz der Dichte frühbronzezeitlicher Fundplätze liegen aus Thüringen bisher erst zehn Stabdolche vor, nämlich aus den Horten von Neunheilingen und Dermsdorf und dem Großgrabhügel von Leubingen. Vom Areal einer Siedlung der Aunjetitzer Kultur stammt nun das elfte Stück, einer der selteneren Stabdolche mit metallenem Schaftkopf.

Der Stabdolch mit einer Masse von 416 g hat eine Gesamtlänge von 234 mm, von der 178 mm auf das Blatt entfallen. Die Gesamthöhe mit alt gebrochenem Schaftkopf beträgt 114 mm, bei einer Blattbreite von 61 mm. Das Stück weist drei mitgegossene Scheinniete auf, ein typologisches Rudiment, welches letztlich auf die ursprüngliche Befestigung von Stabdolchblättern an Holzschäften verweist. Hier reiht sich auch die Verzierung des Schaftkopfes mit Strichreihen ein, die eine Umschnürung imitiert. Die Befestigung auf dem hohl spitzoval ausgeführten Schaftkopf erfolgte mittels dünner Stiftniete, wie ein vollständiges und ein ausgebrochenes Nietloch zeigen. Der Stabdolch gehört formal dem Großpolnischen Typ (bzw. Horn M1b) an. Das Blatt ist beidseitig mit einem dreifachen Linienbandwinkel verziert. Unterhalb des Schaftkopfabschlusses ist blattseitig eine Bucht ausgebildet.

Der prächtige Stabdolch mit metallenem Schaftkopf von Büßleben stammt vom Areal einer Aunjetitzer Siedlung (Foto: H. Arnold, TLDA, Weimar)

Klinge eines Stabdolches aus grün patinierter Bronze

Die bisher bekannten sechs Stabdolche vom Großpolnischen Typ stammen aus Litauen, Großpolen, Kujawien und dem Hort von Bresinchen in Brandenburg. Bei dem aktuell südwestlichsten Stück aus Büßleben handelt es sich streng genommen um einen aus dem Pflughorizont geborgenen Einzelfund. Er befand sich nicht mehr in seinem ursprünglichen Kontext. An der intentionellen Ablage bestehen aufgrund der Größe und symbolischen Aufladung des Objektes keine Zweifel.

Neben dem ersten Stabdolch in Siedlungszusammenhang in Thüringen ist auch das Vorhandensein von Bernstein in gleich zwei der Gruben ungewöhnlich. Außer einer vollständigen Perle liegen zahlreiche kleine Fragmente vor, die sich nicht zu Objekten ergänzen lassen und eher auf den Werkstattcharakter des Befundes hindeuten. Typische Keramik, ein Rillenschlegel, Kupferreste etc. vervollständigen das breite Fundspektrum im untersuchten Ausschnitt der Siedlung.

Die Fundstelle liegt – nahe der südlichen Grenze der Circumharzgruppe, welche die größte Funddichte von Stabdolchen in Deutschland aufweist – im Südosten der Kleinlandschaft „Erfurter Mulde“, für die eine dichte geschlossene Verbreitung der Aunjetitzer Kultur belegt ist. Zukünftige Untersuchungen werden es ermöglichen, den Charakter der Siedlung von Büßleben näher zu beschreiben, deren Bewohner ausweislich der Funde zum Teil einen sehr hohen gesellschaftlichen Stand gehabt haben.


Dr. Mario Küßner
Leiter Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, TLDA, Weimar

Tel.: 0361 / 57 3223 346
E-Mail: mario.kuessner@tlda.thueringen.de

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